Pixelsezierern wird vielleicht der Flattr-Button aufgefallen sein. Wer wissen will, was es damit auf sich hat, der clickt einfach mal hier und schaut sich das Video auf flattr.com an. Mehr muss man eigentlich nicht sagen, denn mit Tortenstücken kann man bekanntermaßen fast jedes ökonomische Modell erklären und Schmeicheleien (engl. to flatter) sind spätestens seit es unzählige Online-Dating Webseiten gibt eine allgemein akzeptierte Währung im Internet.
Es geht bei Flattr also darum fleißige Menschen mit Süßware zu beglücken. Oder gehässiger: Es geht darum am Hungertuch nagende Qualitätsblogger und andere hobby-kreative fett zu machen. 10% des eigenen Flattr-Kontos gehen dabei übrigens an flattr.com selbst, denn das ist die anfallende Gebühr mit der sich flattr finanziert. Im Moment läuft flattr.com noch in einer closed Beta. Das Ganze ist übrigens nichts neues und die Idee dahinter ist eine typische Web 2.0 Idee: Viele Menschen haben gemeinsame Interessen und sind sozial veranlagt bzw. wollen zumindest den Autoren von gutem Content danken oder ihre Zustimmung bekunden. Ohne diese Intention hätten wir keine Kommentare, like buttons, Forensyteme, Social Communities und vieles mehr. Social payment macht daraus nun ein Geschäftsmodell. Flattr segelt dabei im Wind der Berichterstattung rund um den Pirate-Bay Mitbegründer Peter Sunde Kolmisoppi. Ich wage zu behaupten, dass er der einzige Grund dafür ist warum flattr einen entsprechenden Popularitätsschub bekommen hat. Dieses anrüchige Freibeuter-Image macht Flattr in ähnlicher Weise interessant wie die Piratenbucht. Dazu kommt, dass Peter Sunde auch für den Dienst trommelt und beispielswiese auf der re:publica den Dienst vorgestellt hat. Dazu kommt, dass flattr.com einfach gut gemacht ist: Die Anmeldeprozedur ist schmerzfrei, die Befüllung des Kontos mit realem Geld ist schnell erledigt (besonders wenn man einen Paypal-Account dafür verwendet) und das Benutzerinterface ist aufgeräumt und selbst mit einigen Socialweb-Funktionen unterlegt. Man ist nicht darauf angewiesen durch das Web zu surfen und nach flattr Buttons Ausschau zu halten, sondern kann sich zunächst darauf beschränken durch die Kategorien:
- All
- Written text
- Images
- Video
- Audio
- Software
- The rest
…durchzuklicken und direkt von flattr.com aus in den verschiedensten Angeboten zu stöbern um dabei fleißig Liebe & Zuneigung zu bekunden. Leider scheint es noch keinen RSS-Feed zu geben, mit dem man die an flattr angeschlossenen Seiten auch in den favorisierten Newsreader fluten kann.
Mein Zwischenfazit nach gut 1h Nutzung der flattr.com Webseite und diversen Clicks auf von mir meist ohnehin für gut befundenen Blogs, die selbst mit flattr Buttons experimentieren, nun mein Zwischenfazit.
Flattr macht Spass und das ist wichtig damit es benutzt wird. Man entdeckt viele neue Dinge und was einem gefällt, dass flattered man. Es sieht allerdings derzeit so aus, als würden Blogger mit Flattr hauptsächlich andere Blogger finanzieren. Flattr ist zwar extrem einfach gestrickt, aber was nutzt mir das, wenn ich den Betrag, den ich flattern möchte, nicht festlegen kann? Ich habe nunmal nicht jedes Web-Angebot so lieb wie alle anderen. Der größte Vorteil von flattr (die absolute Fairness) wird damit zum größten Nachteil und ich ertappe mich dabei deshalb nur meine 2-3 Lieblingsblogs überhaupt zu flattern.Mein größter Krtikpunkt ist aber, dass Flattr wie eine Bank funktioniert. Es ist (ganz im Gegensatz zu Piratebay) ein zentralisiertes System. Peter Sunde Kolmisoppi begründet das vor allem damit, dass es keinen offenen Standard für Micropayment gibt. Ich nehme ihm ab, dass es sich dabei um ein Problem handelt, das man lösen sollte. Ich nehme ihm aber nicht ab, dass dieses Problem ihn zur Zeit besonders stört
Etwas bizarr fühlt sich außerdem an, dass ich meinen Flattr-Account mit einer Zahlung über Paypal aufgeladen habe. Paypal selbst könnte sehr schnell 1-Click-Payment einführen, es als “Social” oder “Open” vermarkten und Flattr wäre dann schnell tot.Nur weil flattr schreibt, dass sie soziales Micropayment möglich machen, ermöglichen sie mit ihrem Netzwerk eigentlich nicht viel mehr als einen “ilike” Button mit Bezahlmodell (auch wenn es sexy ist Finanztransaktionen hinter Clicks zu verstecken).Es gibt darüber hinaus noch ein viel individuelleres Problem bei der Nutzung von Flattr: Wenn ich meinen eigenen Flattr-Account auflade, dann habe ich relativ hohe mentale Transaktionskosten gegenüber der Bank: Ich muss einen (kleinen) Batzen reales Geld an Flattr überweisen ohne unmittelbar etwas zurück zu bekommen. Das mache ich beim ersten mal sehr gerne, weil ich schließlich den Service der Flattr-Bank ausprobieren möchte und alles ganz einfach, neu und interessant aussieht. Allerdings mache ich das in ein paar Monaten vielleicht nicht mehr so gerne, weil mir dann bewußt geworden ist, dass ich selbst von dem Kuchen nur sehr wenig bekomme. Und wenn man bedenkt welche tollen Angebote es dort draußen im Web gibt muss mir klar sein: Mein eigener Flattr-Counter wird sehr lange eine runde “0″ anzeigen und – wenn überhaupt – nur sehr langsam hochzählen.
Die drei Gründe warum ich trotzdem an Flattr teilnehme sind:
- Ich respektiere Peter Sunde als agilen Innovator, auch wenn ich ihm prinzipiell kritisch gegenüber stehe
- Ich hatte die Idee mit Micropayment wie Flattr es implementiert hat schon vor ein paar Jahren und habe bis heute nie verstanden warum es nicht möglich sein sollte. Peter Sunde und seine Mitbewerber setzen diese Idee nun um und das freut mich
- Teilen macht Spass und Flattr gibt mir unter dem Strich tatsächlich die Möglichkeit die Menschen zu unterstützen, die mein digitales Leben bereichern
Übrigens: Ich habe einen Flattr-Invite zuviel bekommen. Wer ihn haben möchte schreibt einfach unten einen schönen Kommentar und hinterlässt eine Kontaktmöglichkeit (140 Zeichen reichen, am besten bin ich unter Suchkultur auf Twitter zu erreichen).